Warum ich diesen Blog schreibe

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Emi Grant

Gedankenpfade im Labyrinth des Lebens

Warum ich diesen Blog schreibe

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Wir leben in einer Zeit, in der uns mehr Wissen, mehr Möglichkeiten und mehr materielle Dinge zur Verfügung stehen als je zuvor.

Wir können beinahe alles kaufen, praktisch jederzeit Informationen abrufen, mit Menschen am anderen Ende der Welt sprechen und uns Dinge leisten, die für frühere Generationen unvorstellbarer Luxus gewesen wären.

Und dabei scheint es, als würden wir etwas ganz Wesentliches verlieren.

Viele Menschen erleben Erschöpfung, Unzufriedenheit, Einsamkeit oder das Gefühl, im eigenen Leben nicht mehr richtig anzukommen.

Wir funktionieren noch – zumindest mehr oder weniger. Wir erfüllen Erwartungen, vergleichen uns praktisch ununterbrochen und versuchen um jeden Preis mitzuhalten. Wenn etwas nicht so gelingt, wie es unserer Vorstellung nach gelingen sollte, entsteht schnell der Gedanke:

„Ich habe versagt.“

Unsere Welt erzählt sehr viel vom Haben und erstaunlich wenig vom Sein.

Von allen Seiten hören wir, was wir angeblich brauchen: Das musst Du haben, dort musst Du Urlaub machen, dieses Auto, jene Küche, diese Marke – und natürlich am besten jetzt sofort, weil es gerade so günstig ist. Es scheint beinahe, als wäre Haben das Rezept fürs Leben und deutlich wichtiger als Sein. Dieser Mechanismus ist so weitreichend, dass ich ihm an anderer Stelle noch einen eigenen Beitrag widmen möchte.

Vielleicht liegt genau darin ein Teil der Verführung:

Haben scheint einfacher zu sein als das Sein.

Haben lässt sich zählen, vergleichen und vorzeigen.

Sein verlangt etwas anderes. Es verlangt, dass wir uns mit uns selbst beschäftigen – auch mit dem, was unbequem ist, weh tut oder nicht in das Bild passt, das wir gerne zeigen möchten.

Auch die persönliche Entwicklung ist längst zu einem großen Markt geworden.

Unzählige Bücher, Seminare, Kurse und Programme erklären uns, wie wir uns „optimieren“ können: erfolgreicher, selbstbewusster, glücklicher, gesünder oder wohlhabender. Und selbst dort, wo es um persönliche Entwicklung geht, begegnen uns immer wieder Begriffe wie finanzieller Erfolg, finanzielle Unabhängigkeit oder finanzielle Freiheit.

Ein Titel wie „Denke nach und werde reich“ kann inmitten dieser Flut von Erfolgsversprechen leicht als Bestätigung einer Botschaft verstanden werden, die uns ohnehin ständig begegnet:

Verändere Dich, damit Du mehr erreichen und mehr besitzen kannst.

So verschieben sich die Prioritäten, und das Haben beginnt, das Sein zu definieren. Plötzlich stellt sich sogar die Frage:

Wird selbst persönliche Entwicklung am Haben gemessen?

Manche dieser Angebote geben wertvolle Impulse. Andere machen Versprechen, bei denen schon ein kurzer Moment des Nachdenkens genügt, um Zweifel zu bekommen.

Du musst nur richtig denken. Dann kannst Du alles erreichen, was Du willst.
Du musst nur fest genug an Dich glauben. Dann kommt der Erfolg.
Du musst nur Deine Energie verändern. Dann kommt das Glück.
Du musst nur wollen. Dann verändert sich Dein Leben.

Spätestens an dieser Stelle werde ich hellhörig.

Nicht, weil Gedanken unwichtig wären, nicht, weil Motivation nichts bewirken könnte und schon gar nicht, weil Spiritualität in der Psychotherapie und in psychologischen Entwicklungsprozessen nichts zu suchen hätte.

Doch meine jahrzehntelange Erfahrung hat mir immer wieder gezeigt, dass tiefgreifende Veränderung Zeit braucht. Vorschnelle Versprechen können Menschen für einen Moment beflügeln – oder sie mit dem Gefühl zurücklassen, erneut versagt zu haben. Besonders problematisch wird es dort, wo wir beim Ausbleiben des versprochenen Erfolgs nicht die Methode infrage stellen, sondern uns selbst. Auch dieses Thema halte ich für so wichtig, dass ich ihm an anderer Stelle einen eigenen Beitrag widmen möchte.

Der Wunsch nach Veränderung beginnt oft lange, bevor wir überhaupt benennen können, was sich tatsächlich verändern müsste. Zuerst ist da nur ein Unbehagen. Ein Gefühl, dass etwas nicht mehr stimmt. Ein Gedanke, der immer wieder präsent wird. Oder eine Situation, die sich auf merkwürdige Weise wiederholt: Jemand verletzt uns mit einer Bemerkung, und im entscheidenden Moment bleiben wir sprachlos. Stunden später wissen wir plötzlich ganz genau, was wir hätten sagen wollen. Oder wir reagieren viel heftiger, als wir es eigentlich möchten, und fragen uns später, warum wir so aus der Haut gefahren sind.

In solchen Momenten reagiert etwas in uns schneller als unser bewusstes Denken. Vereinfacht gesprochen geraten wir in eine Art „Reptilienmodus“. Unser System schaltet auf Schutz – Kampf, Flucht oder Erstarrung. Solange diese reflexartige Anspannung anhält, stehen uns unsere kognitiven Fähigkeiten nur eingeschränkt zur Verfügung.

Problematisch ist dabei weniger die Reaktion selbst als die Bedeutung, die sie für den Betroffenen bekommt. Wer den dahinterliegenden Mechanismus nicht kennt, deutet Sprachlosigkeit, Erstarrung oder Überreaktion schnell als persönliches Versagen:

„Ich bin zu schwach.“

„Ich bin zu dumm.“

„Ich kann mich nicht wehren.“

„Ich bin ein Versager.“

„Ich bin eben so.“

Das Gravierende daran ist, dass solche Sätze für den Betroffenen nicht wie bloße Gedanken wirken. Er hat die Situation erlebt: Er war sprachlos, konnte sich nicht wehren oder reagierte anders, als er es wollte. Damit scheint die eigene Erfahrung zu bestätigen, was er ohnehin über sich glaubt.

So kann aus einer automatischen Schutzreaktion nach und nach ein negatives Selbstbild entstehen.

Auch diesem Thema möchte ich an anderer Stelle einen eigenen Beitrag widmen, weil es für das Verständnis unserer wiederkehrenden Muster besonders wichtig ist.

Wir tragen Erfahrungen, Ängste, Verletzungen, Überzeugungen und Verhaltensweisen mit uns, die über Jahre oder Jahrzehnte gewachsen sind. Sie haben sich mit unserem Denken, Fühlen und Handeln so tief verwoben, dass sie uns wie ein Teil von uns selbst erscheinen.

Dieser Gedanke ist nicht neu. Schon Cicero formulierte:

Consuetudine quasi alteram quandam naturam effici.

Also: Durch Gewohnheit wird gleichsam eine zweite Natur geschaffen.

Jahrhunderte später spitzte Blaise Pascal diesen Gedanken zu:

La coutume est une seconde nature, qui détruit la première.

„Die Gewohnheit ist eine zweite Natur, welche die erste zerstört.“

Das klingt hart. Doch es beschreibt eindrücklich, welche Macht eingeübte Muster gewinnen können. Was lange genug zu uns gehört, erscheint uns irgendwann nicht mehr als erlerntes Muster, sondern als Teil unserer Persönlichkeit.

„Ab Montag wird alles anders“

Kennst Du diesen Spruch?

„Ab Montag.“

„Ab nächstem Monat.“

„Ganz bestimmt ab dem 1. Januar.“

Ich glaube, ich kann an dieser Stelle sagen:

Wir alle kennen diese Vorsätze und ich kann mich selbst dabei auch nicht ausschließen.

Im neuen Jahr ernähre ich mich gesünder.

Ich bewege mich mehr.

Ich arbeite weniger.

Ich achte besser auf mich.

Ich setze endlich Grenzen.

Ich werde gelassener.

Dieses Mal wirklich.

Ein Entschluss kann wichtig sein, aber zunächst ist er nur ein Impuls. Ein Impuls, etwas verändern zu wollen. In diesem Moment ist uns womöglich noch gar nicht bewusst, dass Veränderung auch bedeutet, sich der Macht unserer Gewohnheiten zu stellen.

Spätestens nach ein paar misslungenen Versuchen mit unserem „Ab Montag“ oder „Ab nächstem Monat“ beginnen wir, nach Unterstützung zu suchen.

Und gerade in diesem Moment sind wir besonders offen für die verlockenden Versprechen von Marketingkampagnen und finden uns plötzlich in einer schieren Flut von Angeboten und Möglichkeiten wieder, unser Anliegen anzugehen. Wir lesen Bücher, besuchen Kurse, Seminare oder Vorträge und hoffen, genau dort das zu finden, was uns hilft, diesen ersten Entschluss tatsächlich umzusetzen.

Und manchmal genügt tatsächlich schon ein neuer Gedanke, um plötzlich vieles klarer zu sehen. Für einen Moment kann sich dann wirklich etwas öffnen. Doch die entscheidende Frage stellt sich oft erst danach:

Was geschieht mit dem, was dort in Bewegung gekommen ist,

wenn wir wieder in unseren Alltag zurückkehren?

Wenn die Tür des Seminarraums wieder zugeht

Kurse, Seminare und Vorträge können begeistern. Sie können neue Gedanken anstoßen, Hoffnung geben und für einige Stunden das Gefühl vermitteln:

„Jetzt habe ich verstanden.“

„Jetzt wird alles anders.“

Und daran ist zunächst überhaupt nichts falsch.

Problematisch wird es erst, wenn aus einem Impuls die Erwartung entsteht, tief verankerte Muster ließen sich innerhalb weniger Stunden verändern. Irgendwann schließt sich die Tür des Seminarraums. Wir fahren nach Hause. Am nächsten Morgen klingelt der Wecker. Die vertrauten Beziehungen sind noch da, die Verpflichtungen, der Stress, die Sorgen und mit ihnen unsere eingeübten Reaktionen und Gewohnheiten.

Dann zeigt sich, dass ein Entschluss allein oft nicht genügt.

Vielleicht gelingt manches eine Zeit lang anders. Vielleicht fallen wir schneller als gedacht in alte Muster zurück. Und genau an dieser Stelle entsteht leicht wieder der Gedanke:

„Dann habe ich eben versagt.“

Doch nicht immer liegt das Problem beim Menschen. Manchmal war das Versprechen zu weitreichend und hat Erwartungen geweckt, die sich so gar nicht erfüllen konnten.

Bis aus einem Impuls wirkliche Erkenntnis wird, braucht es Zeit, Behutsamkeit, einen sicheren Raum, einen verlässlichen Rahmen und verschiedene Perspektiven. Manches wird erst nach und nach sichtbar. Und auch dann muss das Erkannte erst seinen Platz in unserem Leben finden dürfen: in unseren Beziehungen, Entscheidungen und Gewohnheiten, in unseren Grenzen und gerade in jenen Momenten, in denen wir sonst automatisch in alte Muster zurückfallen. Das ist ein Prozess. Ein Prozess, den man nicht an einem Wochenende oder in einer Vorlesung durchlaufen kann.

Genau das ist der Grund, warum ich diesen Blog für Euch und mit Euch erschaffen möchte.

Ich möchte einen Ort schaffen, an den man zurückkommen kann, wenn die sprichwörtliche Tür des Seminarraums längst wieder zugegangen ist. Einen Ort, an dem ein Gedanke weder mit dem Ende eines Vortrags noch mit der letzten Seite eines Buches verschwinden muss, sondern weitergedacht und diskutiert werden darf.

Ich freue mich auf die Gespräche mit Euch.

Eure Emi

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