Gedankenpfade im Labyrinth des Lebens
Wie Erwartungen unser Denken und Handeln verändern
Ellen Langer und das Counterclockwise-Experiment
Wie viel von dem, was wir für eine persönliche Grenze halten, ist tatsächlich unsere Grenze? Und wie viel davon haben wir im Laufe unseres Lebens als eigene Grenze übernommen, weil andere sie für uns immer wieder vorgegeben haben?
Wir unterschätzen leicht, welche Macht Worte und Erwartungen entfalten können. Worte können aufrichten und Mut machen. Sie können aber auch verletzen, beschämen und einen Menschen so klein werden lassen, dass er irgendwann aufhört, seine eigenen Möglichkeiten überhaupt noch zu prüfen. Besonders wirksam werden solche Botschaften, wenn sie von Menschen kommen, deren Urteil für uns von Bedeutung ist – von Eltern, Lehrern, Partnern, Vorgesetzten oder anderen Personen, denen wir Autorität zugestehen.
Erwartungen schaffen uns einen unsichtbaren „Raum der Möglichkeiten“. Ist dieser Raum weit genug, können wir uns entfalten, fühlen uns beflügelt und wachsen. Ist er dagegen eng, begrenzt er uns und verzerrt unsere Entwicklung, indem er uns den Raum nimmt, den wir für unsere Entfaltung brauchen.
Wie weit dieser Einfluss reichen kann, untersuchte die amerikanische Sozialpsychologin Ellen Langer in einer Reihe ungewöhnlicher Experimente. Langer promovierte an der Yale University und kam 1977 an die Harvard University. 1981 wurde sie als erste Frau im Department of Psychology von Harvard auf eine unbefristete Professur berufen – zu einer Zeit, in der auch die akademische Welt für Frauen noch deutlich engere Grenzen zog als heute.
Was geschieht, wenn die Zeit zurückgedreht wird?
1979 stellte Ellen Langer eine ungewöhnliche Frage: Was würde geschehen, wenn ältere Menschen nicht lediglich an ihre Vergangenheit erinnert würden, sondern für einige Tage so lebten, als befänden sie sich tatsächlich wieder zwanzig Jahre früher?
Acht ältere Männer verbrachten fünf Tage an einem Rückzugsort, der konsequent in das Jahr 1959 zurückversetzt worden war. Zeitschriften, Radio- und Fernsehsendungen stammten aus jener Zeit. Über politische und gesellschaftliche Ereignisse von 1959 wurde nicht rückblickend gesprochen, sondern so, als geschähen sie gerade jetzt. Die Männer sollten sich nicht erinnern, wie ihr Leben damals gewesen war. Sie sollten sich verhalten, als sei es wieder 1959.
Eine Vergleichsgruppe beschäftigte sich ebenfalls mit derselben Zeit, allerdings auf herkömmliche Weise: Die Männer erinnerten sich an die Vergangenheit und sprachen über sie als etwas, das hinter ihnen lag. Der entscheidende Unterschied lag also nicht in den Erinnerungen selbst, sondern in der Haltung gegenüber dieser Vergangenheit: „Damals war ich …“ oder „Ich bin …“.
Die Ergebnisse machten das Experiment berühmt. In beiden Gruppen verbesserten sich einzelne Messwerte, darunter Gedächtnis, Hörvermögen und Griffkraft. Bei den Männern, die so lebten, als befänden sie sich tatsächlich wieder im Jahr 1959, wurden darüber hinaus Verbesserungen unter anderem bei Sehvermögen, Gelenkbeweglichkeit, Geschicklichkeit, Haltung und Gang beschrieben. Auch Fotografien der Teilnehmer wurden nach dem Aufenthalt von unabhängigen Betrachtern jünger eingeschätzt. Die Versuchsgruppe schnitt insgesamt besser ab als die Vergleichsgruppe.
Harvard selbst beschreibt Langers Counterclockwise-Arbeit heute als eine ihrer wegweisenden Untersuchungen und verweist unter anderem auf Verbesserungen bei Gedächtnis, Hörvermögen, Geschicklichkeit, Appetit und allgemeinem Wohlbefinden.
Die ursprüngliche Untersuchung war klein. Acht Männer sind keine Grundlage, aus der sich allgemeine medizinische Regeln ableiten lassen. Gerade deshalb sollte man aus dem Experiment kein Versprechen ewiger Jugend machen. Bemerkenswert bleibt jedoch, dass sich mit einer veränderten psychologischen und sozialen Umgebung nicht nur das Erleben der Teilnehmer veränderte, sondern auch messbare körperliche und kognitive Leistungen.
Verantwortung kann etwas verändern
Der Gedanke hinter Counterclockwise kam nicht aus dem Nichts. Bereits 1976 hatten Ellen Langer und Judith Rodin mit 91 Bewohnern eines Pflegeheims untersucht, welchen Unterschied es machen kann, ob Menschen Verantwortung und Wahlmöglichkeiten behalten oder ob Entscheidungen weitgehend für sie getroffen werden.
Eine Gruppe wurde ausdrücklich darin bestärkt, Entscheidungen selbst zu treffen und Verantwortung für den eigenen Alltag zu übernehmen. Die Bewohner konnten beispielsweise wählen, wie sie bestimmte Dinge gestalten wollten, und erhielten eine Pflanze, um die sie sich selbst kümmern sollten. In der Vergleichsgruppe wurde dagegen betont, dass das Personal für das Wohlergehen der Bewohner verantwortlich sei; auch um die Pflanzen kümmerte sich das Personal.
Bei den Bewohnern, denen mehr Verantwortung und Wahlmöglichkeiten übertragen worden waren, zeigten sich signifikante Verbesserungen bei Aufmerksamkeit, aktiver Beteiligung und allgemeinem Wohlbefinden.
Achtzehn Monate später wurden Teilnehmer erneut untersucht. Die Ergebnisse deuteten darauf hin, dass die positiven Auswirkungen nicht einfach nach kurzer Zeit verschwunden waren. Bewertungen durch das Pflegepersonal sowie Gesundheits- und Sterblichkeitsdaten sprachen für anhaltende günstige Effekte der Intervention beziehungsweise der Prozesse, die sie angestoßen hatte.
Beide Untersuchungen berühren damit eine Frage, die weit über das Altern hinausgeht: Was geschieht mit einem Menschen, wenn seine Umgebung ihm immer wieder vermittelt, was er angeblich kann – und was nicht?
Die ersten Spiegel unseres Lebens
Ein Kind kommt vollkommen abhängig von anderen Menschen zur Welt. Seine Eltern oder andere primäre Bezugspersonen sind zunächst nicht einfach Menschen unter vielen, sondern seine wichtigste soziale Wirklichkeit. Von ihnen bekommt es Nahrung, Schutz und Nähe – aber auch erste Antworten auf die Frage, wer es ist und was ihm zugetraut wird.
Dabei müssen begrenzende Botschaften keineswegs brutal klingen.
„Komm, lass mich das machen.“
Dieser Satz kann liebevolle Hilfe sein. Wird er jedoch immer wieder in Situationen gesagt, in denen ein Kind eigentlich ausprobieren, scheitern und neu versuchen müsste, kann eine ganz andere Botschaft mitschwingen: Du kannst das nicht. Ich traue Dir das nicht zu. Ich mache es besser.
Daneben gibt es die deutlicheren Urteile:
Du bist nicht gut genug.
Du bist zu empfindlich.
Du bist schwierig.
Du machst immer alles falsch.
Aus Dir wird nie etwas.
Worte verschwinden nicht, nachdem sie ausgesprochen wurden. Manche verlieren später ihre Bedeutung. Andere bleiben.
Mit Kindergarten, Schule und anderen Beziehungen erweitert sich die Welt eines Kindes. Neue Menschen kommen hinzu und mit ihnen neue Möglichkeiten, sich selbst zu erleben. Das kann frühere Zuschreibungen korrigieren – muss es aber nicht.
Ein Kind, das zu Hause gelernt hat, sich zurückzuziehen, sitzt vielleicht im Kindergarten häufig allein und nähert sich anderen Kindern nur zögerlich. Die Erzieherin sieht das Verhalten, aber sie kennt seine Geschichte nicht. Sie erlebt ein stilles Kind und kommt möglicherweise zu dem Schluss: Es kann eben nicht gut mit anderen Kindern. Es ist ein Einzelgänger.
Was ursprünglich eine Anpassung an bestimmte Lebensbedingungen war, beginnt nun wie eine persönliche Eigenschaft auszusehen.
Das Kind bekommt nicht zwei unterschiedliche Spiegel, sondern dieselbe Geschichte in verschiedenen Gesichtern.
Wenn Erwartungen sich selbst bestätigen
In der Schule kann sich dieser Prozess fortsetzen. Vielleicht braucht ein Kind mehr Zeit, einen anderen Zugang zu einem Thema oder einfach jemanden, der ihm etwas noch einmal anders erklärt. Hört es jedoch wiederholt, es sei zu langsam, unbegabt oder „einfach nicht gut in Mathematik“, kann irgendwann etwas geschehen: Es meldet sich nicht mehr. Es fragt nicht mehr nach. Es versucht weniger, weil jeder Versuch mit der Möglichkeit verbunden ist, erneut zu scheitern.
Die Leistung sinkt – und plötzlich scheint genau das bewiesen zu sein, was vorher behauptet wurde.
Dabei bleibt die entscheidende Frage offen: Sehen wir hier tatsächlich die Grenze eines Menschen? Oder sehen wir bereits die Folgen der Bedingungen, unter denen er versucht hat zu lernen?
Auch mit dem Ende der Schulzeit verschwindet dieser Mechanismus nicht. Ein junger Mensch tritt seine erste Arbeitsstelle an. Er ist unerfahren, stellt Fragen und macht Fehler – wie jeder Mensch, der etwas Neues lernt. Begegnet ihm ein Vorgesetzter jedoch immer wieder mit Sätzen wie „Das kannst du nicht“, „Du hältst uns nur auf“ oder „Aus dir wird keine gute Fachkraft“, kann sich sein Verhalten verändern. Er fragt weniger, kontrolliert jeden Schritt dreimal, wird unsicher und angespannt, vermeidet eigene Entscheidungen – und macht unter diesem Druck möglicherweise tatsächlich mehr Fehler.
Für denjenigen, der das Urteil ursprünglich ausgesprochen hat, sieht das wiederum wie eine Bestätigung aus.
Welche Verantwortung tragen Menschen, die andere führen?
Gerade deshalb lohnt es sich, über die Sprache von Führung nachzudenken. Ein Urteil wie „nicht belastbar“, „nicht kreativ“, „braucht ständig Hilfe“ oder „wird niemals eine Führungskraft“ bleibt selten ohne Folgen. Ist ein solches Bild einmal entstanden, beeinflusst es, welche Aufgaben jemand erhält, wie Fehler interpretiert werden, wie viel Verantwortung man ihm zutraut und welche Möglichkeiten zur Entwicklung überhaupt noch angeboten werden.
Dabei besteht ein gewaltiger Unterschied zwischen zwei scheinbar ähnlichen Aussagen:
„Das ist Dir diesmal nicht gelungen.“
und
„Du kannst das einfach nicht.“
Der erste Satz beschreibt eine Situation. Der zweite beginnt, einen Menschen zu definieren.
Wie viel freier könnten Menschen denken? Wie viel kreativer könnten sie arbeiten? Welche Leistungen könnten sichtbar werden, wenn sie nicht gleichzeitig gegen die Schubladen ankämpfen müssten, in die andere sie irgendwann eingeordnet haben?
Vielleicht sollte deshalb gerade dort, wo Menschen Verantwortung für andere tragen, häufiger die Frage gestellt werden: Beobachte ich tatsächlich eine Grenze dieses Menschen – oder bereits seine Reaktion auf Bedingungen, an deren Entstehung ich selbst beteiligt bin?
Was wir für unveränderlich halten
Ellen Langers Experimente belegen auf eindrucksvolle Weise, wie stark die Erwartungen unserer Umgebung unsere Fähigkeiten begrenzen können. Ändern sich die Bedingungen, werden plötzlich Kompetenzen und Fertigkeiten sichtbar, die unter all den Behauptungen vom „Du kannst es nicht“ lange verborgen lagen. Befreit von solchen Vorurteilen können sich nicht nur unsere Gedanken und unser Verhalten verändern. Selbst körperliche Funktionen können positiv beeinflusst werden.
Diese Erkenntnis berührt den Kern wirklicher Persönlichkeitsentwicklung. Denn Entwicklung bedeutet, jene Überzeugungen über uns selbst zu erkennen, die sich im Laufe unseres Lebens so tief eingeprägt haben, dass wir sie irgendwann nicht mehr hinterfragen, sondern einfach als gegeben annehmen. So werden Gedanken zu inneren Grenzen. Und Entwicklung besteht gerade darin, dieses Geflecht wieder zu ent-(aus-)wickeln.
Veränderung beginnt in dem Augenblick, in dem wir den Mut finden, etwas, das jahrelang als feststehende Wahrheit galt, zu hinterfragen.
Was würde sichtbar werden, wenn sich die Bedingungen verändern würden?
Zum Weiterlesen
Harvard stellt Ellen Langer und ihre Arbeit sowie ihr Buch Counterclockwise: Mindful Health and the Power of Possibility auf den Seiten des Department of Psychology vor.
2010 griff die BBC die Grundidee für die Fernsehdokumentation The Young Ones auf und ließ ältere britische Prominente für eine Zeit in einer rekonstruierten Vergangenheit leben. Das war keine wissenschaftliche Wiederholung des Experiments, ist aber als filmische Auseinandersetzung mit Langers Gedanken interessant.

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